Auch in der Schule – „Das 1,2,3“ –  ich bin frei :-)

„Das 1,2,3“ in praktischer Anwendung

Als Coach hatte ich schon einen guten Draht zum elfjährigen Mischa, als mir eine Lehrerin sagte, Mischa beschimpfe immer wieder ein Mädchen und lässt sich davon nicht abbringen. Ob ich etwas unternehmen kann?

In einem Nebenraum drehten wir mit Mischa zwei Sesseln zueinander und setzten uns. Nach einem netten Sich-aufeinander-einschwingen sprach ich die Klage der Lehrerin an.

Mischa bejahte – er beschimpfe Ayse. Ich fragte ihn, was er sagt. Mischa sprach bereitwillig laut in seiner Sprache. Ich bat ihn, es mir zu übersetzen. Sichtbar genierte sich Mischa jetzt. Er sagte nichts. Ich stand auf und zog zwei Blatt Papier hervor. Auf das eine schrieb ich „Mischa“, dieses legte ich Mischa auf den Schoß und auf das andere Blatt „Ayse“ und legte es auf meinen frei gewordenen Sessel, Mischa gegenüber.

Ich bat nun Mischa, sich vorzustellen, Ayse sitzt ihm gegenüber auf dem „Ayse“ Sessel und er soll noch einmal schimpfen. Er tut es auch, laut und deutlich.

Ich lade Mischa ein, sich auf den „Ayse“ Sessel zu setzen, die Augen zu schließen, für eine kurze Weile Ayse zu sein, kurz in „ihre Haut“ zu schlüpfen, zu Mischa zu schauen und seinen Beschimpfungen zuzuhören.

Ich frage, ob Mischa als Ayse die Beschimpfungen seines Gegenübers hören kann. Er nickt. Ich frage, wie es sich anfühlt und wo im Körper. Er legt seine Hände auf die Brust: „Ungut. Hier – im Herzen.“ „Was brauchst du?“ frage ich. Mischa – „Ayse“ kann nicht sofort antworten.

Ich bitte ihn aufzustehen, um die Situation von außen besser beurteilen zu können: „Schau zu „Ayse“, was sie braucht.“ „Sie braucht, dass sich Mischa entschuldigt und sagt, er wird das NIE! mehr sagen.“

„Setz dich noch einmal hin auf den „Ayse“ Sessel und sag dem Mischa als Ayse, was du brauchst.  „Ich brauche, dass du es NIE mehr sagst und dich entschuldigst!“, sagt Mischa vehement.

Ich führe Mischa wieder auf seinen „Mischa“ Sessel und bitte ihn erneut, „Ayse“ zuzuhören, was sie gerade sagte. Mischa hört dem Flehen von „Ayse“ zu. Er sagt jetzt zu „Ayse“: „Ich werde es nie mehr sagen. Ich entschuldige mich.“

Nun pendelt Mischa wieder auf den "Ayse" Sessel und hört sich Mischas Entschuldigung an. Ich frage: "Wie ist es für dich? Wie fühlt es sich an?" Mischa als Ayse sagt: "Gut."  "Wo ist es im Körper? Zeige es mir." Mischa fährt mit seinen Händen von oben nach unten: "Es ist überall!" "Zeige es jetzt Mischa und sag ihm, es ist überall", lade ich ihn ein. Als Ayse zeigt Mischa nun mit seinen Händen seinem Gegenüber, wie gut es sich anfühlt.

Dann setzt er sich wieder auf den "Mischa" Sessel und hört, was ihm "Ayse" zeigt und sagt.

Ich sehe, dass Mischa strahlt. Ich frage noch: "Wie fühlt es sich jetzt für dich an?" Mischa zeigt auf seinen Körper: "Gut!"

Wir sind auf das Warum für Mischas störende Verhalten nicht eingegangen, aber es steckte auf jeden Fall ein Bedürfnis dahinter. Vielleicht wurde Mischa selbst irgendwann beschimpft und sein Bedürfnis "Sag-es-nie-wieder!" auszusprechen, ist leer ausgegangen. Paradoxerweise wiederholt Mischa die Situation, er ist der Angegriffene und der Angreifende. Er ist Ayse und Mischa. Ayse ist die Projektionsfläche von Mischas Innenwelt. Indem das Bedürfnis von seinem Spiegelbild zufrieden gestellt wurde, ist Mischa auch zu-Frieden.

Mischa ist jetzt in seiner Beziehung zu Ayse von seinem störenden Verhalten befreit.

Hier die Zusammenfassung, wie ich das "Das 1, 2 ,3" angewendet habe:

1) Kontakt - Gefühl im Körper wahrnehmen

2) Hin-Spüren, Mit-Fühlen / Erlauben

3) Bedürfnis zufrieden stellen

Mit lieben Grüßen - Ludmila

3 Comments

  • Ingrid Sohler

    Reply Reply 16. Januar 2018

    Liebe Ludmila,
    es ist so schön zu lesen wie dein „1,2,3,“ auch und gerade bei Kindern Erfolge bringt. Für mich ist erstaunlich, wie gut Mischa sein Körpergefühl zeigen kann.
    Freu mich mit dir, dass Mischa so eine gute Veränderung erleben konnte.
    Liebe Grüße
    Ingrid

  • Peter Steinbach

    Reply Reply 16. Januar 2018

    Liebe Ludmila,

    nachdem ich selber einige Jahre in einem Erziehungsheim war, kann ich den Jungen sehr gut nachvollziehen und finde es als dass wichtigste, Probleme mit Liebe und Geduld anzugehen, auch wenn man vielleicht so manches zwar nachvollziehen kann, aber nicht unbedingt verstehen muss. Aber genau darin liegt die Kunst deines Handwerks, mit Liebe zu arbeiten und der Erfolg wird Dir weiterhin garantiert sein.
    So wünsche ich Dir weiterhin viel Kraft und Idealismus, damit Du deinen wunderbaren Beruf mit viel Phantasie, Geduld und Hingabe ausüben kannst.
    Peter

    • hyp_ludmila

      Reply Reply 20. Januar 2018

      Liebe Ingrid, lieber Peter, ich freue mich über eure schönen, warmherzigen Kommentare. Danke! Mit lieben Grüßen, Ludmila.

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